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Artikel:
Fußballsymposium "Der globale Kick" (Tokyo)
Querpass - Eine Konferenz zur Kultur- und Literaturgeschichte des Fußballs (Seoul)
Zur Umwandlung der staatlichen Hochschulen in selbstständige Körperschaften
Morioka Memories
Profile - alt und neu

Termine und Hinweise
Kurz informiert
Termine

die Redaktion

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

die Fußball-Weltmeisterschaft ist vorbei und angesichts erneut verödeter Mattscheiben gibt es auch keine Entschuldigung mehr, Unterrichtsvorbereitungen zu "ökonomisieren", früher nach Hause zu gehen oder nicht an der nächsten Ausgabe des Lektoren-Rundbriefs zu arbeiten. Voila, hier ist sie! König Fußball dominiert – zum voraussichtlich letzten Mal in diesem Quadriennium.

Die ersten beiden Berichte kommen von Tagungen in Tokyo und Seoul : "Der globale Kick" von Uli Heinze und "Querpass" von Thomas Schwarz aus Korea.

In der letzten Ausgabe berichtete Frank Schwamborn unter dem Titel "Matsumoto Memories" von seiner Zeit in der japanischen Alpenstadt; dieses Mal können Sie die "Morioka Memories" aus dem Norden von Honshu lesen. Auch der seit kurzem in Tokyo lebende und lehrende Autor ist ein "MM", Michael Mandelartz. Wer verspürt den Drang, diese Serie in der nächsten Ausgabe fortzusetzen, etwa mit "Aichi Anecdotes", "Ehime Experiences", "Tokyo Tales" etc? Redaktionsschluss ist der 15. November!

Dass die japanische Unireform kommen und am 1.4.2004 zur Umwandlung der bisher staatlichen Universitäten in "Selbstständige Körperschaften" führen wird, ist so sicher wie das O-Kaeri beim Nachhause-Kommen. Dass damit aber neben Risiken auch Chancen für ausländische Beschäftigte verbunden sein könnten, davon berichtet Andreas Kasjan.

Außerdem stellen sich ein neuer Kollege und eine neue Kollegin vor, frisches Blut aus der Rechtswissenschaft sowie aus der Bielefelder DaF-Kaderschmiede. Über weitere "Profile" würden wir uns freuen. Ebenso willkommen sind Hinweise auf Veranstaltungen oder Termine, die wir gerne aufnehmen.

Übrigens haben wir in der letzten Ausgabe die eine Hälfte unseres Setzerteams zu früh in die USA verabschiedet: Frank Nitsche-Robinson hat, obwohl inzwischen mit Familie über dem großen Teich, auch beim Layout dieser Ausgabe mitgeholfen, wofür ihm unser besonderer Dank gilt.

Wir wünschen Ihnen / Euch erholsame Sommerferien und dann frischen Elan für das nächste Semester

Die Redaktion

Bericht: Fußballsymposion "Der globale Kick" am 25. Mai 2002

Das Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Tokio in Komaba (DESK) nutzte (zusammen mit dem Goethe-Institut Tokio) das Intermezzo der deutschen Fußballer bei der WM 2002 in Japan, um den Sport interkulturell und interdisziplinär zu beleuchten. Auf dem ganztägigen Symposion "Der globale Kick" am 25. Mai im Goethe-Institut referierten je fünf Forscher aus Deutschland und Japan. Schwerpunkte der beiden Teile lagen auf den Gebieten "Fußball und Massenmedien" sowie "Fußball und kollektive Identitäten". Rund 100 Zuhörer lauschten den Vorträgen und Podiumsdiskussionen. Einleitend erzählte Touru Watanabe von der Universität Tokio die Geschichte des Fußballs in Asien und stellte das Kemari vor: eine Spielvariante, die vor mehr als 800 Jahren von China über Korea nach Japan kam. Das Kemari erforderte viel Technik, denn die 8köpfigen Teams mussten versuchen, den Ball möglichst lange in der Luft zu halten. In der Pause versuchten sich einige Referenten am Objekt, hatten aber als unsportliche Akademiker wenig Erfolg.

In der ersten Halbzeit verglich Mario Kumekawa (Sophia- Universität) Einschaltquoten von Fußballsendungen in Japan und Deutschland. In Japan wird Fußball zwar kaum im Radio übertragen, aber die Fernsehquoten bewegen sich auf europäischem Niveau. Zudem ist in Japan der Anteil weiblicher Fans vor dem Schirm oft größer als in Deutschland, wo etwa ein Drittel der Zuschauer Frauen sind. Ralf Adelmann und Markus Stauff (Universität Bochum) analysierten die Mediendramaturgie des deutschen Scheiterns bei der EM 2000 und machten deutlich, in welchem Maße dies mit dem öffentlichen Bewusstsein verwoben ist. Rainer Vowe (ebenfalls Bochum) referierte über den Aufstieg und Fall des Kirch-Konzerns und den Grund, warum die Bildschirme in Deutschland bei der WM 2002 zumindest teilweise schwarz bleiben müssen. Die einzige weibliche Referentin, Mangazeichnerin Garu Okada, schilderte ihre Begeisterung für den Fernsehfußball. Mit der Serie "Captain Tsubasa" hat der Fußball auch in der Welt der Manga und Anime seit 20 Jahren seinen festen Platz.

In der zweiten Halbzeit analysierten Sadatoshi Kumagai (Universität Osaka) und Senta Houji Spieltaktiken in Abhängigkeit von Region, Kultur und historischem Kontext. Shuhei Hosokawa (TU Tokio) erläuterte am Beispiel des multiethnischen Brasilien die Bedeutung des Fußballs für die nationale Integration. Die Diskussionen kreisten um die Rolle des Fußballs in der DDR und in Afrika sowie die Zukunft der J-League und K-League nach der WM. In der Nachspielzeit plauderte Arndt Krüger (Uni Göttingen) am Buffet noch über aktuelle Doping-Methoden im Sport. So beschied sich das Symposion nicht mit defensiver Kritik am Kommerz, sondern ging mit gedanklichen Kicks in die wissenschaftliche Offensive.

Uli Heinze

Konferenzbericht: "Querpass"

- Eine Konferenz zur Kultur- und Literaturgeschichte des Fußballs.

Goethe-Institut Inter Nationes Seoul, 21.-23.5.2002

Die interdisziplinär angelegte Konferenz "Querpass" sollte in unmittelbarer zeitlicher Nähe zur Fußballweltmeisterschaft in Japan und Korea das Kulturthema "Fußball" wissenschaftlich vorwiegend aus koreanischer, japanischer und deutscher, am Rande aber auch aus skandinavischer Sicht aufarbeiten. Gefördert wurde die Tagung nicht nur vom Goethe-Institut, sondern auch vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der die Gelegenheit genutzt hat, um über seine Programme zur Förderung des wissenschaftlichen Austauschs zwischen Südkorea und der Bundesrepublik Deutschland zu informieren.

In seinem Einführungsvortrag setzte der Sportsoziologe und Philosoph Gunter Gebauer (Freie Universität Berlin) mit seinen Thesen Maßstäbe für das intellektuelle Niveau der Tagung: Er ging davon aus, dass der Fußball seit den 50er Jahren in der Bundesrepublik für die bürgerliche Öffentlichkeit zunehmend Funktionen übernommen hat, die vorher noch dem Theater vorbehalten waren. Gerade Länderspiele repräsentierten dann für das Publikum das Drama der je eigenen Nation, der Körper des Nationalspielers stelle dabei nationale Merkmale dar, wodurch nun symbolisch auf neuartige Weise eine nationale Gemeinschaft erzeugt werde. Die Leistung der Nationalmannschaft wird in diesem Zusammenhang zur Metapher für den Zustand der Nation. Gebauer hob vor allem die Phase von 1970 bis etwa 1976 hervor, in der die Erfolge des deutschen Fußballs dem Bedürfnis nach Selbstdarstellung einer jungen Generation entgegengekommen seien. In dieser Zeit habe auch das Fußballspiel eine Zäsur markiert, das Ende eines politischen und kulturellen Stillstandes und einen Neubeginn, den Gebauer unter anderem mit der Bildungsreform und der Öffnung der Universitäten in diesen Jahren korrelierte. Gebauer schloss mit einer scharfen Kritik der aktuellen Situation: Für die Fußballprofis gibt es nur noch ein Ziel, nämlich im Verein reich zu werden, das Spiel in der Nationalmannschaft zählt in diesem Kontext nur als Faktor zur Erhöhung des eigenen Kurswertes. Die Spieler, die vordem noch nationale Helden zu symbolisieren vermochten, sind zu reinen Trägern eines Markenimages von Sponsoren geworden.

Der anschließende Vortrag eines koreanischen Sportwissenschaftlers, Koo-Chul Jung von der Tamna-Universität auf der Insel Chejudo, lotete die Möglichkeiten aus, wie man im Bereich des Fußballsports Entspannungspolitik zwischen Nord- und Südkorea betreiben könne. Mit insgesamt drei aktiven Referenten war die Fraktion der in Deutschland ausgebildeten koreanischen Sportwissenschaftler gut vertreten, neben Jung noch durch Jong-Kook Kim (Korean National University of Physical Education), der einen Vortrag über die Architektur der koreanischen WM-Stadien hielt. Kyung-Won Kim (Seowon University) verglich die koreanischen und deutschen Fußballfans unter sozialhistorischen Aspekten.

Von einem japanischen Sporthistoriker, Tokuro Yamamoto (Kokushikan University, Tokyo), kam ein bemerkenswerter Vortrag zum Kemari, einem höfischen Fußballspiel des mittelalterlichen Japan, bei dem aristokratische Spieler sich den Ball wechselseitig zuspielten mit dem Ziel, ihn möglichst lange in der Luft zu halten. Der Vortrag lieferte mit seiner dichten Beschreibung der Ästhetik des Kemari eine Kontrastfolie zum doch vergleichsweise hölzernen modernen Fußballspiel unserer Tage. Der japanische Germanist und Journalist Mario Kumekawa (Sophia-University, Tokyo) hob die Stilisierung der japanischen Fußballhelden in der populären Jugendkultur als Außenseiter hervor. Der Japanologe Reinold Ophüls-Kashima, Lehrbeauftragter an der Sophia University, analysierte die Struktur der japanischen Vereinsnamen, bei denen sich die Verwendung fremdsprachlicher Elemente englischer, spanischer, portugiesischer, italienischer, französischer und einmal sogar auch deutscher Provenienz (Yokohama Flügels) an vornehmlich solchen Nationen orientiert, die schon einmal den Weltmeisterschaftstitel errungen haben. Der Göttinger Sporthistoriker Arnd Krüger spannte einen weiten Bogen durch die Geschichte des Fußballspiels bis hin zu seiner aktuellen Kommodifizierung. Nur seine wiederholte Gleichsetzung der Praktiken von Hooligans mit denen des ‚schwarzen Blocks‘ (Nutzung modernster Kommunikationstechnik bei der Vernetzung, Benutzen derselben Verkehrsmittel wie z.B. ICE, niedere Schwelle der Gewaltanwendung ...) dürfte einer kritischen Prüfung vor allem unter dem Aspekt der politischen Inhalte, die in diesen beiden Lagern diskutiert werden, wohl nicht standhalten. Der dänische Sporthistoriker Hans Bonde beschrieb das institutionelle Umfeld des Fußballspiels in Anlehnung an die Thesen des Anthropologen Victor Turner als Arrangement eines ‚liminoiden Initiationsritus‘ für Männer.

Eine der interessantesten Sektionen der Konferenz setzte sich mit der medialen Verwertung des Fußballspiels auseinander. Markus Stauff und Ralf Adelmann, wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Film- und Fernsehwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, skizzierten, welche Diskurse vom Fernsehfußball verarbeitet werden. Um ein im Grunde langweiliges und trotz Wiederholungen spannender Stellen in Zeitlupe auch nur langweilig abfilmbares Ereignis interessant zu machen, werden in den Kommentaren immer wieder biographische, (pseudo-)psychologische, nationale, rassistische und statistische Wissensbestände aktualisiert, um so letztlich eine imaginäre Fußballnormalität herzustellen. Abweichungen von ihr können dann erneut spannungssteigernd verkauft werden.

Der Literaturwissenschaftler Rolf Parr (Universität Dortmund) analysierte das synchrone System der Nationalstereotype, mit dem die deutschen Nationalspieler in den heimischen Medien als ordentliche, anständige, willensstarke, einsatzbereite, gründliche und folgsame Arbeiter am Ball konstituiert werden. Die japanischen Spieler gelten zwar als fleißig, aber auch als unkoordiniert, die koreanischen eher als leidensfähig und opferbereit. Markus Joch von der Berliner Humboldt-Universität, Mitarbeiter im DFG-Forschungsprojekt zur Literatur- und Kulturgeschichte des Fremden, sprach über die literarische Gattung der Fußball-Satire, und seinem Vortrag mit Zitaten von Ror Wolf bis Eckhard Henscheid war zum Vergnügen des Publikums anzuhören, dass sein Verfasser in jüngeren Jahren selbst einmal politisches Kabarett gemacht hat.

Es ist der Konferenz gelungen, an einem exemplarischen Gegenstand, dem Fußball, kulturwissenschaftliche Fragestellungen zu erproben, verschiedene Medien wie Literatur, Zeitungsberichte und Fernsehen einzubeziehen, das Thema aus historischer und anthropologischer Perspektive zu beleuchten. Abgerundet wurde die Veranstaltung mit einer Präsentation des dramatischen Dialogs "Leben bis Männer" von Thomas Brussig, der Autor selbst hat den Text vorgetragen, begleitet von seinem japanischen Übersetzer Kumekawa. Der Text widmet sich den Passagen von der Jugend- zur Männermannschaft in der DDR, wobei es zu gefährlichen Interferenzen kommt, wenn ein Fußballspieler in seinem Leben als Grenzsoldat auf den Appell ‚Hau ihn um!‘ unterschiedslos reagiert, was ihn dann nach dem Fall der Mauer vor Gericht und letztendlich auch zur Befehlsverweigerung im Fußball bringt. Für diese Problematik fand Brussig in der noch geteilten Nation Korea ein besonders sensibilisiertes Publikum.

Thomas Schwarz: paros@kmu.ac.kr

 

Zur Umwandlung der staatlichen Hochschulen
in selbstständige Körperschaften

Die japanische Regierung plant im Rahmen einer Verwaltungsreform, sämtliche staatlichen Hochschulen zum 01.04.2004 in selbstständige Körperschaften zu überführen. Da die Verringerung von Personalkosten eines der vornehmlichen Ziele dieser Reform ist, werden alle verbeamteten staatlichen Hochschullehrer ihren Beamtenstatus einbüßen. Dies ist möglich, da in Japan bei Auflösung einer Behörde auch die dort beschäftigten Beamten auf Lebenszeit entlassen werden können. Mit der Auflösung der staatlichen Hochschulen erhalten daher alle dort Beschäftigen zum 31.03.2004 ihre Kündigung. Einige werden am folgenden Tag von den neu geschaffenen selbstständigen Hochschul- körperschaften wieder eingestellt.

Dass diese Verwaltungsreform weit reichende arbeitsrechtliche Konsequenzen mit sich bringen wird, ist bereits jetzt absehbar. Denn im Gegensatz zu den staatlichen Hochschulen, an denen sämtliche Arbeitsbedingungen bis ins kleinste Detail per Gesetz oder Verordnung geregelt sind, müssen arbeitsrechtliche Fragen wie Gehälter, Arbeitszeit, Jahresurlaub usw. für die am 01.04.2004 entstehenden Hochschul- körperschaften ausgehandelt werden, und zwar an jeder einzelnen Hochschule.

Ebenso wie in der Privatwirtschaft werden diese Verhandlungen zwischen Vertretern der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerseite geführt werden. An Hochschulen, in denen über die Hälfte der Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert sind, übernimmt die Gewerkschaft die Verhandlungsführung. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Mitarbeiter fest angestellt sind oder nur Teilzeit arbeiten. Damit die Gewerkschaft die Verhandlungsführung übernehmen kann, müssen von sämtlichen Mitarbeitern über die Hälfte gewerkschaftlich organisiert sein. Sollte dies nicht der Fall sein, wird die Arbeitgeberseite selbst einen ihr genehmen Verhandlungspartner bestimmen. Die entsprechenden Konsequenzen wären absehbar.

Es sollte an dieser Stelle jedoch betont werden, dass sich die Arbeitsbedingungen der verbeamteten Hochschul- lehrer mit ausländischer Staatsangehörigkeit und der ausländischen Lektoren nicht notwendigerweise verschlechtern müssen. Nach der Umwandlung der staatlichen Hochschulen in selbstständige Körper- schaften wird es z.B. nicht mehr möglich sein, die Arbeitsbedingungen aufgrund der Staatsangehörigkeit festzulegen. Die bisherige Regelung, dass Hochschullehrer mit ausländischer Staatsangehörigkeit - von wenigen Ausnahmen abgesehen - nur auf Widerruf eingestellt werden können, ist dann nicht mehr möglich. Die Arbeitsbedingungen werden sich dann ausschließlich an genau definierten Stellenprofilen orientieren. Und Probleme mit der Sozialversicherung wird es dann sowieso nicht mehr geben.

Allerdings sollten die Lektoren an staatlichen Hochschulen rechtzeitig beginnen, sich nach der vor Ort tätigen Gewerkschaft zu erkundigen. Angesichts der in absehbarer Zeit drohenden Veränderungen sind die Gewerkschaften um jedes Mitglied dankbar. Diese Entscheidung soll zwar jedem selbst überlassen bleiben, aber auch das folgende Problem darf nicht außer Acht gelassen werden.

Bisher werden die Gehälter und die sonstigen Aufwendungen für die Lektoren nicht aus dem Etat der einzelnen Hochschulen bestritten, sondern aus einem Sonderetat des Monbusho. Da die angestrebte Verwaltungsreform auch die Reduzierung von Personalkosten zum Ziel hat, ist abzusehen, dass sich nach dem 31.03.2004 die Arbeitsbedingungen der Lektoren ändern werden. Denn dann müssen die Hochschulen die Aufwendungen für die Lektorenstelle selbst tragen. Ob dann Annehmlichkeiten wie die Rückreise nach Deutschland weiterhin bezahlt werden, ist zumindest fraglich. Die Arbeitsbedingungen der Lektoren werden wohl denen der japanischen Lehrkräfte angeglichen werden. Auf welchem Niveau dies geschehen wird, hängt von der jeweiligen Hochschule, der jeweiligen Gewerkschaft und dem Engagement jedes Einzelnen bzw. jeder Einzelnen ab.

Andreas Kasjan

Morioka Memories

Ein anderes Blatt aber vorlegend, fuhr er fort: "Was sagt Ihr nun zum Schloßhofe, der, durch das Schleifen der Burg jedermann zugänglich, seit undenklichen Jahren zum Lieblingsplatz der Reisenden wurde? Inwendig bedurft es keines Aufräumens, hier findet sich eine flache Ebene von den Rittern geplättet, aber noch hat ein mächtiger Sockel bis heute zu bleiben Glück und Gelegenheit gefunden. Durch die Menge uns schlängelnd haben wir den merkwürdigsten Platz geebnet gefunden, dessengleichen im ganzen Lande vielleicht nicht wieder zu sehen ist."

"So, jetzt schauen wir uns vielleicht mal kein Schloß an", schlug ich meiner Tochter vor, als sie bei mir zu Besuch in Morioka war. "Kein Schloß?! Das geht doch nicht, Papa!" wandte sie ein. "Und warum nicht?" - "Ja, man kann sich doch nicht NICHTS ansehen!" - "Nun, dann warte mal ab. Vielleicht kann man das doch. Und anschließend an kein Schloß sehen wir uns dann keinen General an." - "Aber..." Meine Rede verwirrte sie, doch nachdem ihre Aufmerksamkeit so geschärft war, erzählte ich ihr beim Spaziergang zwischen den schweren Granitwällen von den Nambu-Daimyos und ihrer Burg, die während der Kämpfe zu Beginn der Meiji- Restauration zerstört wurde. "Und wo ist kein General?" fragte sie, als wir oben angekommen waren.

Moriokajô. Das Bild oben ist das einzige erhaltene Foto der Burg

"Nun, ich sehe hier keinen General", antwortete ich, auf den leeren Denkmalsockel in der Mitte des Platzes zeigend, der durch die hervorstehenden Schrauben nur um so kahler wirkte. "Aber hier ist ja gar kein General!" - "Ja, eben. Aber da oben stand mal einer, bis er im Krieg zu Kanonen eingeschmolzen wurde." - "Sie haben einen General EINGESCHMOLZEN??!" - "Nun ja, keinen richtigen General, sondern eine Statue von einem General, wahrscheinlich aus Bronze." - "Ach so," meinte meine Tochter erleichtert, weil die Dinge wieder im Lot waren.

Wenn auch nicht gerade die Dinge, so stimmt doch die Symbolik wieder. Denn daß die um 1600 errichtete Burg der Nambus zu Beginn der Meiji-Restauration um 1870 geschleift wurde, ergab sich aus dem Scheitern des Widerstands gegen das neue Machtzentrum in Tokio. Aber daß der General (ein Nambu übrigens), der die widerspenstige Nordprovinz in den Krieg gegen China geführt und damit die Provinz in die Nation EINGESCHMOLZEN hatte, ein halbes Jahrhundert später selbst EINGESCHMOLZEN wurde, erscheint uns als ein Akt höherer Gerechtigkeit. Tatsächlich brauchte man aber nur seinen ROHSTOFF für Kanonen. Vielleicht fand der General so verschwindend seine höchste Bestimmung. Oder vielmehr: Der Krieg verzehrte seine eigenen Symbole, und mußte so implodieren. KEIN General in KEINEM Schloß: Daß dieses Arrangement, vielleicht eher aus Nachlässigkeit als aus historischem Bewußtsein, über die Jahrzehnte erhalten blieb, gehört zu den eindrücklicheren Erinnerungen an Morioka.

In den ersten Wochen nach dem Umzug machte ich ein paar Fahrradtouren durch Tokio, um mir die Stadt zu erfahren. Eine führte zur Nihonbashi, dem Zentrum Japans seit der Edo-Zeit. Ich rechnete natürlich nicht damit, Hiroshiges hölzerne Brücke wiederzufinden, hoffte aber doch, daß mir dieser Mittelpunkt einigen Aufschluß über Stadt und Land geben würde. Und in der Tat: Die Brücke gibt eine Lektion in politischer Selbstdarstellung und ihren Grenzen. Der aus der Meiji-Zeit stammende (und vermutlich in den letzten Jahrzehnten restaurierte) massive Steinbau wurde beidseitig mit je fünf schmiedeeisernen Laternen versehen, von denen die drei größeren das Bildprogramm bestimmen: Beim Betreten der Brücke, von welcher Seite auch immer, wird man zunächst von einem sitzenden Löwen fixiert, der ein Steuerrad (das Symbol der Stadt Tokio) in den Tatzen hält. Die mittlere, höchste Laterne weist dann in beiden Richtungen je ein Kirin (die japanische Version des chinesischen Einhorns k'i-lin) vor. So wird die politische Intention deutlich ausgestellt: Die Nation wird mit dem Machtapparat durch die Fährnisse der Weltpolitik gelenkt, den man den westlichen Nationen abgeschaut hat. Innen behauptet sich jedoch weiterhin unangefochten der ostasiatische Geist.

Daß sich die derart verkörperte Idee des "wakonyôsai" (japanische Seele und westliches Wissen) nicht durchhalten ließ, lehrt jedoch ein Blick nach oben. Denn über Fluß und Brücke führt eine breite, für die olympischen Spiele von 1964 gebaute Autostraße. In die Lücke zwischen deren zwei Trassen ragt die Laterne hinein. Das Licht der Modernität, das von hier ausgehend Japan überstrahlen sollte, erleuchtet heute den STAHLBETON. Vielleicht findet die Idee des "wakonyousai" so verschwindend im AUTOVERKEHR ihre höchste Bestimmung. Oder vielmehr: Die Modernisierung frißt ihre eigenen Symbole, und muß so implodieren. Daß dieses Arrangement, wohl eher aus Nachlässigkeit denn aus historischem Bewußtsein, über die Jahrzehnte erhalten blieb, gehört zu den tieferen Eindrücken meiner Anfangszeit in Tokio.

Weiteres zur Nihonbashi. Die Brücke wurde zuerst 1603 errichtet und 1911 durch den derzeitigen Bau ersetzt. Restaurierung 1999. Sie führt über den Nihonbashigawa, einen der Kanäle, die seit 1603 neu aufgeschüttetes Land durchzogen, das man durch Abtragen des Kandaberges gewonnen hatte.

Michael Mandelartz

Mario Feuerstein

Der Weg in das Land der aufgehenden Sonne und der Sumo-Ringer ist für mich – wie für viele andere von euch auch – kein direkter gewesen. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Osnabrück und Referendariat in Berlin zog es mich zwar ganz heftig nach Ostasien, aber nicht nach Japan, sondern nach China. Zweieinhalb Jahre war ich an dem Deutsch-Chinesischen Institut für Wirtschaftsrecht der Universität Nanking. Dort habe ich Chinesisch gelernt und meine Doktorarbeit über das chinesische Deliktsrecht geschrieben. Danach nahm ich die Stelle eines wissenschaftlichen Assistenten an der Universität Osnabrück an mit dem Ziel, zu habilitieren. Doch genervt und desillusioniert von dem deutschen Universitätsbetrieb und dem mangelnden Interesse der Universität am asiatischen Recht, trieb es mich sehr schnell wieder in die Ferne nach Asien, diesmal nach Japan. An der Tohoku Universität unterrichte ich jetzt seit April deutsches und europäisches Wirtschaftsrecht und gebe einen Konversationskurs Deutsch. Meine Frau und ich fühlen uns sehr wohl hier und freuen uns darauf, eine neue Kultur und Sprache kennenzulernen

Stella Bueker

Als Bielefelder DaF-Absolventin in Japan anzukommen, ist ja nichts sehr Ungewöhnliches, einige ehemalige Studienkollegen konnte ich gleich hier vor Ort begrüßen. In Japan bin ich jedoch zum ersten Mal und unterrichte nun seit April an der Tokyo University of Foreign Studies. Die ersten didaktischen und nicht-didaktischen Erfahrungen sind gemacht und sie lassen neben der Feststellung, dass Anfänge es arbeitsmäßig in sich haben, auch eine Aussicht auf eine weitere schöne und interessante Zeit in Japan zu.

Mein fachliches Interesse gilt dem Schreiben, insbesondere dem wissenschaftlichen Schreiben mit den zugehörigen Forschungsbereichen (Schreibprozessforschung, Text-/Wissenschaftslinguistik). Nach meinem Studium habe ich deshalb zwei Jahre im Schreiblabor der Bielefelder Universität gearbeitet und dort Schreibworkshops und Schreibberatungen durchgeführt. Anschließend bin ich wieder in den DaF-Bereich der Universität gewechselt und habe zwei weitere Jahre in einem Reformprojekt daran gearbeitet, speziell für das wissenschaftliche Schreiben ausländischer Studierender geeignete Unterstützungsformen zu entwickeln. Auf längere Sicht hoffe ich, mich auch hier wieder einer Fragestellung aus diesem Bereich widmen zu können.

Vorerst muss ich mich allerdings dem eigenen Spracherwerb zuwenden; meine bisherigen Reisen und auch ein langes Auslandspraktikum haben mich immer nach Südostasien, vor allem nach Indonesien, geführt und so bin ich mit der japanischen Sprache wenig vertraut. Aber es ist ja auch eine ganz aufschlussreiche Erfahrung, wieder am eigenen Körper die ganzen Mühen und Freuden des (langsamen) Sprachlernens erfahren zu "dürfen".

 

Kurz Informiert

Fast alles, was man zu Studien- und Forschungsmöglichkeiten in Deutschland wissen muss, findet sich im World Wide Web. Die Orientierung allerdings und das Herausfinden der richtigen Adressen ist schwierig und zeitaufwändig. Hilfe dabei bietet die neu aufgelegte DAAD-Broschüre "Surfin' Germany" mit einer Auswahl von fast siebzig kommentierten Links zu Studiengängen, Zulassungsfragen, Hochschulen, Forschung und Förderungsangeboten in Deutschland. Aufgenommen wurden auch Adressen, die über Land und Leute, Reise- und Arbeitsmöglichkeiten sowie deutsche Internetsuchdienste informieren. Darüber hinaus finden sich "Extratipps" mit weiteren sechzig Links zu Themen wie Praktika, Wohnungssuche, Studentencommunities oder virtuellen Hochschulen. Erhältlich über die DAAD-Außenstelle Tokyo (bitte mit 120 Yen frankierten, mindestens 22 x 12 cm großen Rückumschlag beilegen).

Im Rahmen des Tokyo International Arts Festival kommt das Berliner Ensemble vom 10. bis 15. September 2002 zu einem Gastspiel nach Tokyo in das Theatre Cocoon. Gegeben wird Richard II. von William Shakespeare, neu übersetzt von Thomas Brasch (Regie: Claus Peymann, Ausstattung: Achim Freyer, Titelrolle: Michael Maertens). Die Aufführung erfolgt auf Deutsch mit japanischer Audio-Übersetzung. Informationen unter Tel. 03-3477-3244 (Bunkamura).

Zu Theatervorstellungen fährt man in Tokyo am besten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wer trotzdem lieber das Auto benutzt, erhält bei der Deutschen Botschaft Informationen zur "Fahrerlaubnis in Japan unter Berücksichtigung der Neuregelung der japanischen Straßenverkehrsordnung". Dies betrifft Touristen und Geschäftsreisende (die ein Jahr lang ab Einreise mit ihrem nationalen deutschen Führerschein samt einer japanischen Übersetzung der Botschaft Auto fahren dürfen) und auch Deutsche mit Wohnsitz in Japan (die innerhalb eines Jahres nach Wohnsitznahme ihren deutschen in einen japanischen Führerschein umschreiben lassen können). Der deutsche Internationale Führerschein wird in Japan nicht anerkannt!

Termine 2002

18. - 24. 8. Asiatische Germanistentagung, Beijing/China
27. - 30. 8. 30. Linguistenseminar der JGG in Kyoto zum Thema "Optimale Syntax des Deutschen" Gastdozent: Prof. Dr. Gisbert Fanselow, Universität Potsdam
10.-15. 9. Gastspiel Berliner Ensemble in Tokyo, Bunkamura
28. 9. Herbst-Lektorentreffen an der Niigata Universität
28./29. 9. Herbsttagung der JGG an der Niigata Universität
November geplant: DAAD-Fachtage in Tokyo

Die Redaktion

Für den Lektorenrundbrief verantwortlich sind:
Anne Gellert (A.G.), Mechthild Duppel-Takayama (M.D.-T.), Ralph Degen (R.D.), Stefan Hug (S.H.),
Frank Nitsche-Robinson (F.N.-R.), Maria Gabriela Schmidt (M.G.S.: nur html) und Till Weber (T.W.)


Übrigens: Der Lektorenrundbrief ist über das DAAD-Büro in Tokyo zu bekommen.
DAAD-Außenstelle Tokyo
Akasaka 7 - 5 - 56, Minato-ku, Tokyo 107-0052
Tel: (03) 3582 - 5962
Fax: (03) 3582 - 5554
Email: daad-lekt@gmd.co.jp